Reise Haller 1914 GE

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Germana Esperantisto 1914 Serio B paĝo 114

Wegen Platzmangels in der Ausgabe A erscheint dieser deutsche Aufsatz ausnahmsweise in der vorliegenden Ausgabe. Siehe auch die Berichte unter „Survoje al Paris kaj reen" in der Ausgabe A.

Die Schriftleitung


Uber meine Kongrefireise nach Paris[redakti]

Von Dr. Paul Haller, Leisnig

Bereits am 21. Juli reiste ich von Hause ab, um ŭber Holland und Belgien nach Frankreich zu gelangen. Mein Plan war, diese mir noch unbekannten Lander, ihre hauptsachlichsten Stadte und Landschaften moglichst genau kennen zu lernen. Esperanto und die Esperantisten sollten mir dazu behilflich sein; darum bediente ich midi ŭberall der Hilfe der Delegierten des Esperanto- Weltbundes (U. E. A.), und ich kann sagen, dafi ich meinen Zweck vollkommen erreichte. Uberall, in Frankfurt, Mainz, Godesberg, Koln, Amsterdam, Haarlem, Haag, Scheveningen, in Antwerpen, Brŭssel, Brŭgge waren Esperantisten meine freundlichen Berater und Fŭhrer. Das Zusammensein mit ihnen, seien es die schonen Abende am deutschen Rhein in Mainz und öoln, oder am Strande in Scheveningen, oder inmitten der Mitglieder der Gruppe in Haarlem, oder auf dem Ausflug mit zahlreichen holljindischen Esperantisten in das herrliche, kanaldurdizogene Gartenland von Aalsmeer — alles dies gehort zu meinen schönsten Reiseerinnerungen. In Haarlem tagte Sonntag, den 26. Juli, der Kongreß des niederländischen Esperantobundes, und ich hatte die Ehre und die Freude, ihm als Gast beiwohnen zu dürfen und den Holländern die Grüße der deutschen Esperantisten zu überbringen.

Dieses friedlidie Bild anderte sich vollkommen mit dem Eintritt nach Belgien, das in diesen Tagen in vollständiger Mobilisation begriffen war. Überall sah man zu den Waffen einberufene Reservisten, einzeln und truppenweise, ganze Militarzüge, Pferdeaushebungen (z. B. dicht hinter den großen Strandhotels in Ostende). Am 29. Juli weilte ich in Brüssel. Ein fesselndes Bild bot das Leben auf dem Boulevard Anspach, vor allem vor der Börse, wo die neuesten Pariser Blätter, Le Matin, L'Intransigeant, Le Petit Parisien u. a., mit heiserem Schreien an das drängende Publikum feilgeboten wurden; ihre verhetzenden Artikel mögen einen guten Teil der Schuld an dem wahnsinnigen Ha8 der Belgier gegen alles Deutsche tragen. Ahnlich wirkten die Films der Firma Pathe, die in dortigen Kinos vorgeführt wurden; das Programm lockte mich, eines dieser Kinotheater zu besuchen, und das war recht lehrreich. Hier wurde — wohl gemerkt, noch im volligen Frieden! — das Anrücken der französischen Heeresverbande gegen die lothringische Grenze auf einer Karte veranschaulicht, es wurde in einseitigster Weise die Überlegenheit des französischen Geschützes gegenüber dem Krupp-Ge- schŭtz vor Augen gefŭhrt, eine Hand zeigte in stark vergrofiertem Bilde, wie die Pfanne des franzosischen Gewehres 8, die des deutschen da- gegen nur 5 Patronen faßt, endlich wurden französische Linientruppen im eleganten Geschwindmarsch vorgeführt, hierauf les lourds allemands mit Schellenbaum und großer Trommel im langsamen, schwerfälligen Marsch. Armes betörtes Volk und Land!

In Brügge, wo ich in einem Esperanto-Hotei, dessen Wirt fließend Esperanto sprach, dreimal ŭbernachtete, wurde das militarisdie Leben von Tag zu Tag reger: singende Soldatentrupps zogen strafienbreit daher, Fouragewagen wurden beladen, Militarzŭge kamen und gingen. Ahnlidi war es in Ostende, wohin ich von Brŭgge aus taglidi fuhr. Die Kurgaste reisten in Scharen ab; dennoch herrschte noch am 31. Juli ungezwungene Frohlich- keit, ja Ausgelassenheit am Strande, wahrend das Kriegsgewölk sich drohend ŭber Europa zusammenzog. Noch war ich der Hoffnung, aafi der Krieg vermieden wŭrde, beschloB also, am Sonnabend, dem 1. August, mit dem Schnellzug von Ostende nach Pariŝ zu fahren. Vorsichtshalber hatte ich einige Tage vorher die Karte, auf der man seine Ankunft melden sollte, an Frl. G. in Paris gesandt, mit der Bitte, Mitteilungen an mich bis 1. August morgens nach Ostende gelangen zu lassen. Ehe ich also die Fahrkarte loste, ging ich nochmals zum Postamt, um eine etwaige War- nung vor der Abreise in Empfang zu nehmen; nidits von alledem! Also frohgemut zur Bahn, zur langersehnten Fahrt nach Paris! Auf dem Bahnsteig wogt die Menge der Reisenden, größtenteils heimkehrende französische Kurgäste, wahrend drüben auf dem letzten Gleis soeben ein Militarzug wegfährt.

Ich sitze im vollbesetzten Wagen; alles spridht von dem zu erwartenden Krieg. Ein Mitreisen- der erzahlt, dafi er soeben von einem Schaffner des internationalen Baderzuges gehort habe, dafi Deutschland' diese Zŭge nicht mehr ŭber die Grenze lasse. Idi ŭberlege, dafi damit der Krieg grofite Wahrscheinlichkeit gewinnt; aber jetzt mochte ich erst recht nach Paris, ein klein wenig regt sich die Abenteuerlust. Hinter Kortrijk (Courtrai) wird die franzosische Grenze ŭber- schritten. In Tourcoing ist Zollrevision; eine junge Franzosin, der ich beim Tragen ihresschweren Gepacks beispringe, hilft mir ŭber die Schwierigkeiten der Zollrevision hinweg, und so komme ich bis Lille, wo ich den belgischen Zug mit dem franzosischen vertausche. Im Wagen werden leidenschaftliche Gesprache gefŭhrt, einer halt einen formlichen Vortrag und versichert mit Stentorstimme: „Nous sommes la grande nation!" Gott sei Dank, er steigt bald aus, aber neue Menschenmengen drangen nach, Manner, Frauen und mehr und mehr Soldaten. Vor mir steht breit- beinig ein Unteroffizier; das Gesprach dreht sich um nichts weiter als Deutschland, Frankreich und Krieg, und so wurde mir's einigermafien schwŭl zumute. Denn ich konnte mich mit meinem Schulfranzosisch, das ich seit meiner Schiilerzeit nicĥt wieder aufgefrischt hatte, unmoglich be- teiligen, ohne in mir den Auslander zu verraten; anderseits mufite mein Schweigen auf die Dauer auffallen. Da es mir nicht geraten schien, mich in dieser aufgeregten Menge als Deutscher vor- zustellen, der zudem noch die Absicht hat, nach Paris zu reisen, stellte ich mich mŭde und halb sdilafend, liefi mich aber durch das Halten des Zuges auf den Bahnhofen immer wieder „wach"-rŭtteln und beobachtete mit Interesse das stetig sich steigernde militärisehe Treiben. Douai, Arras, Amiens folgen aufeinander. Überall Soldaten und um so mehr, je näher wir Paris kommen; mit Erstaunen sehe ich, daß das franzosische Militar noch immer die bunten Uniformen trägt, vielfach (doch nicht immer) die grellen roten Hosen. Die Mobilisation war an diesem 1. August in vollem Gange, allenthalben sah man Männer, zum Teil mit ihren Militarsachen versehen, zu den Stationen eilen; die Brücken waren militärisch bewacht.

6:10 Uhr abends, mit einstündiger Verspatung, fuhr der Zug endlich in den Pariser Nordbahnhof ein. Schwarz ist der Bahnhof vor Menschen, durch die man sich nur mit Mŭhe winden kann. lch spahe nach der Esperantoflagge oder ahnlichem; aber nichts von alledem! Als idi aus dem dichtesten Gewühl heraus war, hielt mich plotzlich ein Beamter am Rodckragen fest und sprach einige mir unverstandliche Worte auf mich ein. Ich sagte mit der liebenswŭrdigsten Miene, auf meinen Stern weisend: „Je suis esperantiste!" und merkwŭrdig! — er lachelte und ließ midi weiter.

So stand ich im Gewühl der Weltstadt, links und rechts ein Gepackstück, ohne Führer, selbst ohne einen Plan von Paris, wußte nur, daß unser Kongreßbüro, der Gaumont-Palace, am Place de Clichy liegt. Da fallt mein Blick auf den Eingang zu einer Untergrundbahnstation mit einem aushangenden Plan der Stadt. Dahin ging ich, prägte mir die zu gehenden Straßen fest ins Gedächtnis und eilte nun meinem Ziele zu, in der Hoffnung, so am ersten Esperantisten und damit -Helfer zu treffen. Hoch in den Lŭften ŭber der Rue de la Fayette schwebte ein Flugzeug mit einer Trikolore, wahrscheinlich um Stimmung zu machen. lch erreichte die Rue de Clichy, wohin ich so manchen Brief gesandt hatte. (Bekanntlich befindet sich dort das Zentralbŭro fŭr Esperanto.) Da — welche Freude! Der Esperantostern! Ein norwegischer Esperantist ist es, dessen Ausseres mir noch von Krakau her bekannt war. „Bonan tagon, samideano! Findet der Kongrefi statt?" Traurig berichtet er mir, dafi er nicht stattfinden werde, und dafi man noch heute abend das mittags eroffnete Esperanto- bŭro schlieSen wolle. Ich eile weiter und treffe einen tschechischen Esperantisten, der mir freundlich mein Gepack tragen hilft und mich führt. Wir treffen in der langen Straße noch mehrere Esperantisten, Franzosen und Spanier. Wir begrüßien sie kurz; denn schon winkt der Gaumont-Palace, von dessen Dache die franzosische und die Esperantoflagge grüßien. Ich will nach dem mit Flaggen aller Nationen geschmückten Haupteingang eilen, da — ruft nicht jemand meinen Namen? Richtig! Es ist Frl. G., die einst in Krakau in meiner Pension wohnte, und deren Bekanntschaft ich zu Pfingsten in Leipzig erneuert habe.

Sie drückt mir die Hand und rat mir, sofort wieder umzukehren, das Empfangsbüro sei soeben geschlossen worden. Tiefe Trauer lag in den Mienen unserer sonst so energischen Pionierin. Meine Frage, weshalb ich keine Absage nach Ostende bekommen habe, beantwortet sie dahin, daß meine Karte mehrere Tage auf der Post zurŭckgehalten worden sei, sie habe sie eben bekommen. Wir verabschiedeten uns mit dem Wunsche auf ein Wiedersehn unter günstigeren Umstanden. Also zurück:! Noch hatte ich die Absicht, wenigstens eine Nacht in Paris zu bleiben, denn ich war mŭde und hatte seit vormittags nichts gegessen. Mein Begleiter erbot sich, mich nach einem Hotel in der Nahe des Nordbahnhofes zu fŭhren. Auf dem Wege dahin sah idi, wie viele Leute mit Packen und Koffern zur Bahn eilten. Einer von ihnen sieht mich an, ich ihn. „Sind Sie Landsmann?" frage ich. „Gewiß! Reisen Sie auch nach Deutschland zurück?" „Ja, isf es denn so eilig?" Er versichert mir, daß der deutsclie Generalkonsul allen Deutschen geraten habe, noch heute Frankreich zu verlassen. „Landsmann, ich schließe mich Ihnen an!" Gesagt, getan! Ich verabschiedete mich mit herzlichstem Danke von meinem Führer, und wir eilen dem Bahnhof zu. Auf dem Wege dahin kommt uas straßenbreit ein larmender Zug entgegen nŭt Fahnen, dahinter eine Rotte junger Manner, Zivil und Militar; sie schreien im Takte: „A Berlin, a Berlin!" Ihre Gefolgschaft singt die Marseillaise. Wer von den Vorübergehenden nicht den Hut abnimmt, bekommt ihn vom Kopfe geschlagen; meiner hing glŭcklicherweise am Westenknopf.

Ich beobachtete die Mienen der Passanten: keiner stimmte mit ein, keiner ruft „Vive la France!" u. a. Ich hatte mir französische Kriegsbegeisterung anders gedacht.

Wir nahmen uns noch Mundvorrat mit und sind bald am Bahnhof. Aber welch ein Gewühl, und wieviel hört man deutsch sprechen! Es sind flüchtende Landsleute. An diesem Abend sollten noch einige Zŭge nach der belgischen Grenze verkehren — die deutsche war schon völlig gesperrt. Aber wie eine Fahrkarte bekommen? Für dieses Menschengewŭhl war ein einziger Schalter geöffnet, nach dem alles drängte. Ich bewachte mein und meines Landsmanns Gepäck, während dieser versuchte, zwei Karten nach Belgien zu lösen. Fŭnf Viertelstunden harrte ich so auf meinem Posten und wurde Zeuge vieler ergreifender Bilder, bis mein Begleiter mit zwei Karten fŭr Verviers zurückkehrte. Glücklich gelangten wir hinaus, und sehen den Zug noch stehen, doch als wir hinzueilen, da setzt er sich in Bewegung, und wir sehen ein, daß es Wahnsinn ware, noch hinaufzuspringen in den ŭberfüllten Zug, wie einzelne tun; hinter dem letzten Wagen lauft ein Mann verzweifelt nach, um die Puffer zu gewinnen. — Wir horen, daß um 1/2 10 Uhr ein zweiter Zug folgen soll, und diesmal haben wir Glück. Im Nu ist das Abteil voll; wir atmen auf. Dann kommt aber das Bewußtsein des Elends ŭber meine Landsleute, Sie waren alle, wie ganz Paris, durch den plotzlichen Ausbruch des Krieges überrascht und davongeeilt aus ihrem Beruf, z. T. von Haus und Hof. Und doch sind sie froh, der sicheren Heimat zueilen zu konnen. Schliefilich bricht sogar ein rediter Galgenhumor durch. So fahren wir ŭber St. Quentin und Maubeuge nach Jeumont, der franzosischen Grenzstation. Es ist nachts 2 Uhr; wir alle mŭssen aussteigen und zu Fuß nach Erquelines, der ersten belgischen Station. Wie ein langer Zug von Verbannten zogen die Flŭchtlinge mit Sack und Pack durch die finstere Nacht. Trotz der spaten Nachtstunde standen einzelne Einwohner von Jeumont am Wege und hohnten „choucroutiers! i maudits allemands!" Mein Begleiter kann sich nicht halten, einem derselben ein halblautes „Halt die Schn. . . .!" zuzurufen, bekommt aber sogleich einen kraftigen Fußtritt gegen den Leib, so daß sein Gepäck zu Boden fallt. Wir beschleunigen unseren Schritt und gelangen ŭber die Grenze nach Erquelines. Hier lagerten in der großen Bahnhofshalle dicht gedrangt die Insassen des früheren Zuges von Paris die meisten saßen oder hockten auf dem Boden, Kinder schliefen, andere schrien, auf vielen Gesiehtera lagen Abspannung und Kummer, besonders zu bedauern waren Mŭtter mit Sauglingen. Morgens um 1/2 4 Uhr ging endlich der belgische Zug ab, ein Zug von ungeheuerer Länge und dennooh bis aufs äußerste ŭberfŭllt. Viele standen oder kauerten auf dem Boden des Wagens. Ich selbst konnte nur auf dem Boden sitzen, meine Beine zwischen etlichen anderen Beinen und Gepackstücken, so daß sie weder rechts noch links konnten; auf mir hatte ich einen schlafenden Jungen einer Dame aus Lŭemburg, die selbst noch mit zwei anderen Kindern Mühe hatte. An Schlaf war natürlich nicht zu denken, und so schaute ich hinaus auf die steilen Talwande der Sambre und Maas mit ihren prachtig gelegenen Burgen, Dörfern und Städten. Wir fuhren durch Namur und das langgestreckte Lüttich; wer von den Mitreisenden hatte damals geglaubt, daß hier der Krieg zuerst toben wŭrde, und daß über diesen starken Festungen sobald die deutsche Flagge wehen würde? Mit einigen Hindernissen (z. B. hielt der Zug einmal plotzlich inmitten eines Tunnels eine halbe Stunde lang im Dunkeln und dann oft auf der Strecke) kamen wir nach Verviers. Wahrend eines solchen Aufenthaltes zeigte sich plotzlich an der Außenseite des Wagenfensters ein Gesinnungsgenosse aus Kassel, der auch von Paris kam. Von der belgischen Grenzstation Welkenraedt mußten wir wiederum zu Fuß über die Grenze gehen nadi Herbestal. Ich hatte noch einige Karten mit belgischen Marken in Welkenraedt aufzugeben und fragte einen am Wege stehenden Beamten nach dem Briefkasten. „Vi ja estas esperantisto!" rief er und erbot sich, sie mir zu besorgen. So war denn der letzte Ausländer, mit dem ich auf der Reise zusammen getroffen war, ein Esperantist, wie ich ŭberhaupt sechsmal wahrend dieser 14-tägigen Reise rein zufällig mit Jüngern Zamenhofs bekannt wurde, einzig durch das Tragen des grünen Sterns; es gibt eben mehr von diesen, als sich mancher traumen läßt

Und nun waren wir in Herbestal, dem ersten Ort auf deutschem Boden und grüßiten das liebe Vaterland und den ersten deutschen Soldaten, der unsere Papiere prüfte. Auf der Fahrt "von Aachen nach Köln jubelte alt und jung den aus Paris heimkehrenden Landsleuten zu. Uber Elber- feld, Halle und Leipzig erreichte ich am 3. August abends meine Heimat.